Klavier

Klavier (von lt. clavis „Schlüssel“, im übertragenen Sinne auch „Taste“) bezeichnet heute das moderne, weiterentwickelte Hammerklavier, also ein Musikinstrument, bei dem auf Tastendruck über eine spezielle Mechanik Hämmerchen gegen Saiten geschlagen werden. Die ebenfalls übliche Bezeichnung Pianoforte oder verkürzt Piano entstand, weil das Hammerklavier erstmals die Möglichkeit bot, die Lautstärke jederzeit stufenlos zwischen leise (piano) und laut (forte) zu verändern. Die heutigen Hauptformen des Klaviers sind der Flügel (englisch grand piano) und das Pianino (englisch upright piano). Letzteres wird umgangssprachlich oft einfach mit „Klavier“ gleichgesetzt.

Historisch bezeichnete „Klavier“, bis ins 19. Jahrhundert in der Schreibung Clavier oder Clavir, allgemein irgendein Tasteninstrument, gelegentlich auch nur eine Klaviatur, also einen Teil eines Instruments.

Das heutige Klavier ist hinsichtlich der Bedienung ein Tasteninstrument, hinsichtlich der Erregungsart ein Schlaginstrument und hinsichtlich des schwingenden Mediums ein Saiteninstrument.

steinway piano

Photo: © Copyright Steinway & Sons"

Bezeichnungen

Das Wort clavis (lateinisch für „Schlüssel“) stand in der mittelalterlichen Musiktheorie für eine mit einem Buchstaben bezeichnete Tonstufe. Weil Tonbuchstaben manchmal direkt auf die Tasten der Orgel geschrieben wurden, konnte die Bezeichnung clavis auf die Taste selbst übergehen. In notierter Musik wurden Tonbuchstaben vor die Liniensysteme geschrieben, wodurch die Bezeichnung auch auf den Notenschlüssel überging. Im englischen Wort key hat sich die mehrfache Bedeutung Schlüssel/Tonstufe/Taste/Notenschlüssel bis heute erhalten.

Für die Gesamtheit aller claves („Tasten“) wurde über französisch clavier [klaˈvje] „Tastatur; Klaviatur“ das deutsche Wort Clavier gebräuchlich. Bis Ende des 18. Jahrhunderts fasste man alle Tasteninstrumente unabhängig von der Art der Klangerzeugung, also auch die Orgeln (Windclaviere), unter diesem Namen zusammen (Sebastian Virdung, 1511; Jakob Adlung, 1758).

1619 nannte Michael Praetorius jedes über eine Tastatur zum Klingen gebrachte Saiteninstrument clavicordium – sowohl die Tangentenklaviere (vor allem die Clavichorde im engeren Sinn) als auch die Zupfklaviere (Cembali, Virginale und Spinette). In seinem Lehrwerk Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen (1753) bezeichnete Carl Philipp Emanuel Bach Spieler aller besaiteten Tasteninstrumente einschließlich des noch recht jungen Hammerklaviers als „Clavieristen“. Das Cembalo hieß bei ihm „Flügel“, das Clavichord „Clavicord“ und das Pianoforte „Forte piano“. Im 19. Jahrhundert setzte sich das Wort „Klavier“ als Bezeichnung für Tasteninstrumente mit Hammermechanik allgemein durch.

1960 empfahl der Musikhistoriker Friedrich Wilhelm Riedel die Rückübertragung des Begriffs „Clavier“ in dieser Schreibweise auf alle Tasteninstrumente, weil in Alter Musik die Wahl des Tasteninstruments häufig offen gelassen wurde.

Der ebenfalls übliche Name „Piano“ ist die Kurzform von „Pianoforte“ (von italienisch piano [ˈpi̯aːno] „leise“ und forte [ˈfɔrte] „laut“). Er bezieht sich darauf, dass auf Hammerklavieren – anders als auf älteren Tasteninstrumenten – durch unterschiedlich starkes Anschlagen der Tasten große Unterschiede der Lautstärke (siehe Dynamik (Musik)) erreichbar sind.

Oft wird mit dem Begriff Klavier einengend nur das Pianino (ital. „kleines Piano“, vertikale Besaitung) bezeichnet, im Gegensatz zum Flügel (horizontale Besaitung). Seit der Erfindung von Tasteninstrumenten mit elektrischer, elektronischer oder digitaler Klangerzeugung (Digitalpianos) wird er zudem meist für Instrumente akustisch-mechanischer Bauweise reserviert, während das Wort Piano auch die Digitalpianos, die Klang und Anschlaggefühl des akustisch-mechanischen Instrumentes wirklichkeitsnah zu simulieren versuchen, umfasst.

Geschichte

Vorformen

Besaitete Tasteninstrumente werden historisch auf das Monochord zurückgeführt. Mehrere Monochorde entwickelten sich zur beidhändig gespielten Floß- oder Röhren-Zither weiter. Daraus entstanden in der Antike einerseits mit Tasten gespielte Orgeln, andererseits verschiedene gezupfte, geschlagene oder gestrichene Saiteninstrumente, darunter das Psalterium.

Das Organistrum aus dem 12. Jahrhundert – eine Drehleier mit durch Tangententasten veränderbaren Saitenlängen – gilt als Zwischenglied der Entstehung besaiteter Tasteninstrumente. 1397 erwähnt ein Jurist in Padua erstmals ein mit Tasten bedientes Psalterium. 1404 erwähnten die Minneregeln des Eberhard von Cersne erstmals ein clavicordium und clavicymbolum. 1425 erschien ein solches Instrument auf einem Altarbild in Minden, 1440 beschrieb Arnaut Henri de Zwolle diese neue Instrumentengattung in einem Traktat, darunter auch ein mit einer Hammermechanik bedientes, dem Hackbrett verwandtes Dulce melos.

Durch Hinzufügen einer Tastatur entwickelten sich im Spätmittelalter aus dem Monochord und dem Psalterium das Clavichord (fest mit der Taste verbundene Tangenten schlagen die Saiten an) und in der Renaissance das Cembalo sowie deren Varianten Clavicytherium, Spinett und Virginal, bei denen der Ton durch Anreißen der Saiten mit einem Kiel erzeugt wird.

Die Flügelform des Cembalos wurde schließlich zum Vorbild für die ersten Klaviere.

Entstehung des Pianinos

Schon von Anfang an wurden auch aufrecht stehende Flügel gebaut, so bereits vom Cristofori-Schüler Domenico del Mela und vom Silbermann-Schüler Christian Ernst Friederici (1745). Diese Instrumente hatten oft eindrückliche Formen, die mit Namen wie Giraffenklavier, Harfenklavier, Lyraflügel, Pyramidenklavier oder Schrankklavier belegt wurden; sie waren meist sehr hoch, sehr exklusiv und hatten nicht viel gemeinsam mit den heutigen Pianinos.

Die ersten kleinen Pianinos entstanden um 1800 unabhängig von Matthias Müller in Wien und John Isaac Hawkins in Philadelphia. Technisch und kommerziell erfolgreich wurde Robert Wornum, der um 1811 ein Cottage Piano baute, das sich bis 1826 zum Piccolo Piano entwickelte und zum Vorbild für alle späteren Pianinos werden sollte. Seine Mechanik ist eine Stößelmechanik mit Auslösung; sie beruht auf den Prinzipien der englischen Mechanik von Flügeln und wandelt diese mittels des Hammer-Drehgelenks ab, der sogenannten Hammernuss. Er entwickelte sie in den 1830er Jahren weiter. Diese Mechanik wurde in Paris von Pleyel und Pape weiterentwickelt und kommerziell erfolgreich gemacht, weshalb sie auch als Französische Mechanik bekannt wurde. Sie entspricht im Wesentlichen schon der heutigen Klaviermechanik. Die Bauweise der Pianinos löste die material- und platzaufwendigeren und klanglich benachteiligten Tafelklaviere in Europa bereits um ca. 1850, in den USA bis ca. 1900 ab.

Aufbau

Bestandteile

Flügel und Pianos haben alle wesentlichen Bauteile gemeinsam:

  • das Gehäuse (den Korpus) mit Balkenkonstruktion, Verstrebungen und Rasten aus Holz
  • den darauf geleimten Resonanzboden aus Holz
  • den Stimmstock aus Holz
  • die auf den Stimmstock geschraubte gusseiserne Platte mit eingeschraubten Wirbeln aus Metall, an denen die Saitenenden aufgewickelt sind
  • Saiten aus Gussstahldraht (für die tiefsten Töne je eine mit Kupferdraht umsponnene dickere Saite, für einen Übergangsbereich je zwei mit Kupferdraht umsponnene dünnere Saiten, für die übrigen Töne je drei Blanksaiten)
  • die Klaviermechanik, bestehend aus einem diffizilen Spielwerk von Tasten, Federn, Zungen, Stößeln, Dämpfern und Hämmern, die beim Tastendruck die Saiten anschlagen und damit den Klang erzeugen
  • die dazugehörige Klaviatur von regulär 88 Tasten
  • zwei bis drei Pedale

Diese Bauteile waren ca. 1880 bis zur Perfektion entwickelt und werden ohne wesentliche Änderung bis heute (2018) zusammengefügt. Die einzigen Fortschritte ergaben sich in der Mechanisierung und Automation der Fertigung der Kleinteile.

Besonderheiten des Pianinos

Beim Pianino stehen Raste, Resonanzboden, Gussrahmen, Besaitung und Hammermechanik (Ständermechanik) senkrecht zum Boden, so dass man es platzsparend an die Wand stellen kann und der Klang zunächst nach vorne und nach hinten abstrahlt. Bei der üblichen Aufstellung wird der hintere Anteil direkt von der Zimmerwand reflektiert und zurück auf den Resonanzboden gelenkt. Eine leicht von der Wand abgewandte Position oder ein kleiner Winkel zur Wand verändert oft den Klang von Pianinos enorm zum Vorteil. Der vordere Klang-Anteil wird im Gehäuse reflektiert.

Durch den Anschlag auf der Vorderseite der Harfe ist die Resonanzbodenfläche eines Hochklaviers oft vergleichsweise groß. Das macht höhere Pianinos (ab ca. 120 cm Höhe) oft erstaunlich klangstark – speziell im Vergleich zu kleineren Flügeln (unterhalb von 170 cm Länge).

Beim Pianino muss die Aufwärtsbewegung der Tastenwippe in eine Vorwärtsbewegung des Hammers umgesetzt werden. Dadurch ist der Fingerkontakt zum Hammer indirekter.

Die Dämpfung eines Pianinos oder Hochklaviers befindet sich normalerweise unterhalb der Hämmer auf derselben Seite der Saitenanlage, im Bereich der stärkeren Amplituden der Schwingungsbäuche.

Ältere Pianinos haben jedoch (bis ca. 1910) teils eine sogenannte Oberdämpfer-Mechanik; die Dämpfer-Puppen sitzen über den Hämmern. Im Englischen findet man hierfür auch den Begriff „birdcage action“, „Vogelkäfig“-Mechanik, wegen der vor die Hammermechanik gebauten Dämpfer-Betätigungsdrähte. Diese Art der Dämpfung ist zum einen weniger effektiv als bei einem Unterdämpfer-Klavier, da sie die Schwingungen nur im Randbereich der Schwingungsbäuche abdämpft, zum Weiteren kann die Dämpferpuppe bei kurzen Diskantsaiten einen optimalen Hammeranschlagspunkt vereiteln – mit entsprechenden Nachteilen für die Klangqualität. Das Stimmen und vor allem die Regulation der Mechanik können durch die vorn liegenden Dämpferdrähte erschwert sein. Dass Oberdämpfer-Klaviere aus diesen Gründen jedoch generell völlig untauglich seien, wie man oft behauptet findet, kann man nicht sagen. Ein gut reguliertes Oberdämpferklavier ist wegen seines deutlichen Nachklingens das prädestinierte Instrument für frühen Jazz und vor allem für den Ragtime.

 

Quelle und weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Klavier