Frédéric Chopin

Eugene Ferdinand Victor Delacroix 043Foto: „Frédéric Chopin“, Ausschnitt aus einem zerschnittenen Gemälde von Eugène Delacroix (1798–1863), das Frédéric Chopin und Georges Sand darstellte, 1838, Paris, Musée du Louvre

Fryderyk Franciszek Chopin (auch Szopen, Szopę und Choppen) oder Frédéric François Chopin (* 22. Februar oder 1. März 1810 in Żelazowa Wola, im damaligen Herzogtum Warschau; † 17. Oktober 1849 in Paris) war ein polnischer Komponist, Pianist und Klavierpädagoge. Er wuchs in Warschau als Sohn einer Polin und eines Franzosen auf. Chopin verbrachte die ersten 20 Jahre seines Lebens bis zum 2. November 1830 in Polen und die letzten 18 Jahre ab Oktober 1831 überwiegend in Frankreich. Er besaß die polnische und ab 1835 auch die französische Staatsbürgerschaft. Chopin schuf vorwiegend Klavierwerke. Schon zu Lebzeiten galt er als einer der führenden Musiker seiner Zeit. Sein Klavierspiel wurde wegen der Erweiterung der technischen und klanglichen Möglichkeiten des Instrumentes, der Sensibilität des Anschlages, der Neuerungen im Gebrauch beider Pedale und im Fingersatz als außergewöhnlich angesehen. Der als Wunderkind geltende Chopin erhielt seine musikalische Ausbildung in Warschau, wo er auch seine ersten Stücke komponierte. Chopins Leben war geprägt von Krankheit. Er starb 1849 im Alter von 39 Jahren in Paris, höchstwahrscheinlich an einer Perikarditis (Herzbeutelentzündung) als Folge einer Tuberkulose.

Chopins Kompositionsstil ist beeinflusst von der polnischen Volksmusik, der klassischen Tradition Bachs, Mozarts, Webers, Hummels und Schuberts, besonders aber vom Stil des Belcanto (italienisch schöner Gesang) der zeitgenössischen italienischen Oper (Vincenzo Bellini, 1801–1835). Von prägendem Einfluss war die Atmosphäre der Pariser Salons, in denen er häufig verkehrte. Hier entfaltete er seine Fähigkeiten in freien Improvisationen am Klavier, die oft zur Grundlage seiner Kompositionen wurden. Seine Neuerungen in allen Elementen der Komposition (Melodik, Rhythmik, Harmonik, Formen) und das Einbeziehen der polnischen Musiktradition mit ihrer Betonung des nationalen Charakters waren für die Entwicklung der europäischen Musik wichtig.

Alberto Cobo: Fantaisie-Impromptu, Opus 66 posthum

B. Stehlik: Ballade Nr. 1 in G Minor, Opus 23

Monica Hart: Mazurka Opus 17 No. 4

Robert Stahlbrand: Prélude Opus 28 No. 4

Familie

Chopins Eltern waren der aus Lothringen stammende Sprachlehrer Nicolas Chopin und die Polin Tekla Justyna Chopin, geborene Krzyżanowska. In der Zeit von deren Eltern, also der Großeltern von Fryderyk Chopin, François Chopin (1738–1814) und Marguerite, geborene Deflin (1736–1794), wurde Lothringen von König Stanisław Bogusław Leszczyński (1677–1766) regiert, dem Schwiegervater von Ludwig XV. (1710–1774), der das Herzogtum 1737 als Entschädigung für den Verlust des polnischen Thrones erhalten hatte. Viele seiner polnischen Unterstützer und Höflinge hatten dort eine neue Heimat gefunden. Laut Erzählung von Chopins Vater gehörte hierzu auch dessen Vater, der ursprünglich aus Polen stammte und Fryderyk Choppen geheißen hat. Der Eintrag in der Taufurkunde lautet entsprechend. Er sei gehalten gewesen, seinen Namen ins französische „Chopin“ umzuwandeln. Er selbst sei nunmehr in die polnische Heimat zurückgekehrt. Trotz aller Unabhängigkeit war Lothringen politisch ein Satellitenstaat Frankreichs. Nicolas Chopin verdingte sich als Bürokraft und Hilfsarbeiter. Nach dem Untergang des Königreiches Polen durch die Dritte Teilung 1795 verdiente er seinen Unterhalt als Hauslehrer für Französisch beim polnischen Adel (Szlachta). Ludwika verhalf Nicolas Chopin über Samuel Linde zu einer Stelle als Französischlehrer am Liceum Warszawskie. Ab 1810 zunächst als Collaborator und ab 1814 als Gymnasialprofessor blieb er dort bis zur Schließung der Schule im Jahre 1833.

Die Eltern Chopins verband die Leidenschaft zur Musik: Nicolas spielte Geige und Flöte, Tekla Justyna spielte Klavier und sang. Die Eheschließung fand am 2. April 1804 statt. Sie hatten vier Kinder.

Chopins Vater Nicolas war Ende 1787, vor den Teilungen Polens (1793, 1795), siebzehnjährig aus Lothringen in das Herzogtum Warschau (1807–1815, polnisch Księstwo Warszawskie, französisch Duché de Varsovie) gezogen. Er hielt keinerlei Kontakt zu seiner französischen Familie. Im Hause Chopins wurde es vermieden, über den französischen Teil der Familie zu sprechen. Er verbot seiner Familie, zu Hause französisch zu sprechen. Seine beiden Schwestern hatten das nicht unerhebliche Erbe von François Chopin nach seinem Tod 1814 unter sich aufgeteilt, ohne den Bruder Nicolas zu berücksichtigen.

Nicolas nahm die polnische Staatsbürgerschaft an und benutzte als Vornamen die polnische Form „Mikołaj“ [miˈkɔwaɪ̯]. Er kämpfte im Russisch-Polnischen Krieg 1792 und im Kościuszko-Aufstand 1794 für die polnische Unabhängigkeit auf polnischer Seite. Die Mutter stammte von dem verarmten Kujawski-Adel ab, deren Familie mit den Skarbeks verwandt war.

Geburt und Taufe

Chopin kam in Żelazowa Wola zur Welt, einem Dorf in der Gemeinde Brochów, Bezirk Sochaczew, Departement Warschau, im damaligen Herzogtum Warschau. Das Herzogtum stand seit 1807 unter der Herrschaft von Napoleons Gnaden, König Friedrich August I. von Sachsen (1750–1827), gleichzeitig bis 1815 Herzog von Warschau. 52 Kilometer westlich von Warschau gelegen, war dieses Dorf seit 1800 im Besitz der Landadelsfamilie Skarbek. Geburt und Taufe Chopins wurden zu Ostern, am 23. April 1810 in Brochów registriert, zwei Monate nach der Geburt. Die Einträge wurden erst 43 Jahre nach Chopins Tod, im Jahre 1892 entdeckt.

Die beiden Urkunden geben als Geburtsdatum den 22. Februar 1810 an, aber nach Chopins eigener Angabe – lange vor der Entdeckung der originalen Geburtsurkunde – sei sein Geburtstag der 1. März 1810. Die letzten Biographien übernahmen dieses Datum und betrachten den „22. Februar“ als Irrtum Nicolas Chopins am 23. April 1810. In den älteren Biographien (vor der Entdeckung der Einträge) finden sich andere Daten.

Auch Chopins Mutter gab den 1. März als Geburtstag an (Brief vom Februar 1837). In der Familie wurde Chopins Geburtstag immer am 1. März gefeiert. Vier Gedenkstätten verzeichnen den 22. Februar als Geburtstag: die Gedenktafeln am Geburtshaus in Żelazowa Wola, in der Taufkirche von Brochów, am Sterbehaus in Paris (Place Vendôme 12) und die Urne mit Chopins Herz in der Heiligkreuzkirche in Warschau.

Die polnischsprachige Geburtsurkunde verzeichnet Chopin als Fryderyk Franciszek.

Chopin wurde am 23. April (Ostermontag) 1810 in der Kirche Świętego Rocha i Jana Chrzciciela (deutsch Heiliger Rochus und Johannes der Täufer) von Brochów getauft. Der lateinische Eintrag im Kirchenbuch (lateinisch Liber baptisatorum) vermerkt als Namen Fridericus Franciscus und als Geburtsdatum den 22. Februar 1810. Eingetragen sind Chopins Vater als Nicolai Choppen Gali (lateinisch Galli, deutsch ‚Gallier‘), seine Mutter als Justyna de Krzyżanowska sowie Franciscus Grembecki und Anna Skarbkówna als Taufpaten.

Der Vermerk im Taufeintrag, lateinisch baptisatum ex aqua, deutsch ‚getauft aus Wasser‘, bedeutet, dass vor der zeremoniellen Taufe eine Nottaufe stattgefunden hatte, wahrscheinlich bei den Chopins in Żelazowa Wola; aber sie wurde nicht registriert.[9] Auch die jüngste Schwester Emilia wurde am 15. Dezember 1812 notgetauft und am 14. Juni 1815 mit traditionellen Zeremonien getauft.

Franciszek, der zweite Vorname, war der ins Polnische übersetzte Vorname (François) des Großvaters Nicolas. Chopins Unterschrift war immer FF Chopin.

Chopin in Polen (1810–1830)

Im September/Oktober 1810 zog die Familie nach Warschau in das Sächsische Palais, wo sich das Warschauer Lyceum befand und Nikolaus als Französischlehrer eingestellt wurde. Chopin und seine drei Schwestern erhielten eine gründliche Erziehung, die von Herzlichkeit und Toleranz geprägt war. Auf Wunsch seines Vaters erhielt Chopin bis zu seinem 13. Lebensjahr Hausunterricht. Seine ältere Schwester Ludwika erteilte ihm Polnisch- und Französischunterricht, ersten Klavierunterricht, anfangs auf einem Clavichord und nahm die Rolle einer zweiten Mutter ein. Sie selbst war Schülerin von Wojciech Żywny, einem aus Böhmen stammenden Pianisten und Klavierlehrer. Die Geschwister verband lebenslang eine innige Geschwisterliebe.

Wunderkind und Musikstudium

Von 1816 bis 1822 war Żywny in Warschau der erste Klavierlehrer Fryderyk Chopins. Żywny legte die technischen Grundlage, leitete das sechsjährige Kind zu seinen ersten Kompositionen an und bereitete ihn auf seine ersten öffentlichen Auftritte vor.

1818 wurde der österreichische Hofkomponist Adalbert Gyrowetz (1763–1850) auf Chopin aufmerksam. Er führte ihn in die Kreise des österreichischen und polnischen Adels ein. In diesem Jahr spielte der Achtjährige anlässlich einer Wohltätigkeitsveranstaltung ein Konzert von Gyrowetz; ab diesem Zeitpunkt trat er in den Salons des polnischen Hochadels auf.

Chopins musikalisches Talent zeigte sich früh, er galt als Wunderkind und komponierte schon im Alter von sieben Jahren. Seine ersten Polonaisen B-Dur und g-Moll sind auf 1817 datiert und lassen eine außergewöhnliche Begabung erkennen.

1822 entließ Żywny den 12-jährigen Chopin aus seinem Unterricht mit dem Hinweis, „dass er ihm nichts mehr beibringen könne“.

Ab 1822 nahm Chopin Privatunterricht in Musiktheorie und Komposition bei dem aus Schlesien stammenden Deutschen Joseph Elsner (1769–1854), einem wichtigen Vertreter der polnischen Musik der Aufklärung und Frühromantik. Elsner war der Begründer des Warschauer Konservatoriums.Anschließend besuchte Chopin bis 1826 das Königlich-Preußische Lyzeum zu Warschau, gefolgt vom Studium an der Musikhochschule, die heute seinen Namen trägt, wo er von Elsner in Kontrapunkt, Generalbass und Komposition weiter unterrichtet wurde. Er komponierte eifrig und legte die Ergebnisse Elsner vor, der dazu feststellte: „Er meidet die ausgetretenen Pfade und gewöhnlichen Methoden, aber auch sein Talent ist ungewöhnlich.“

1827 fand der Umzug der Familie Chopin in den Pałac Czapskich (deutsch Czapski-Palast) in Warschau statt.

Als Chopins Lehrer für Klavier und Orgel folgte Wilhelm Würfel (1790–1832), Professor an der Warschauer Musikhochschule und ab 1826 Kapellmeister der Wiener Oper. Er überredete Chopin, nach seiner Abreise aus Polen in Wien ein öffentliches Konzert zu geben.

Ein Jahr später spielte Chopin öffentlich ein Konzert von Ferdinand Ries (1784–1838). Unter Elsners Anleitung entstanden 1825 das Rondo in c-Moll Opus 1, 1826 das Rondo à la Mazur in F-Dur Opus 5, 1828 das Rondo für zwei Klaviere in C-Dur, und das Rondo à la Krakowiak in F-Dur Op. 14 für Klavier und Orchester. Chopins Interessen umfassten während seines Musikstudiums auch Geschichte, Politik, Folklore, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Ökonomie, Philosophie, Literatur, Biologie und Medizin, Studienfächer, die er bei namhaften Professoren belegt hatte.

Zu Chopins Zuhörern und Förderern gehörten die reichsten polnischen Familien, wie Radziwiłł, Komar, Potocki, Czartoryski u. a., die teils auch später als Emigranten in Paris und als Förderer seiner Kunst eine große Rolle in Chopins Laufbahn spielen sollten.

Ohne selbst zum hohen Adel zu zählen, hatte Chopin seit seiner Kindheit aufgrund seines musikalischen Talentes Umgang mit Adelsfamilien. Dies hatte neben seiner familiären Sozialisation einen wichtigen Einfluss auf seine Persönlichkeitsentwicklung. Zeit seines Lebens war ihm wichtig, sich in hohen Kreisen angemessen bewegen zu können, angesehen und geachtet zu sein.

Musikalisches Genie

Im Juli 1829 hatte Chopin sein Studium beendet. In Elsners Beurteilung heißt es: „Szopen Friderik. Besondere Begabung, musikalisches Genie“ (polnisch „Szopen Friderik. Szczególna zdolność, geniusz muzyczny“).

Chopins Opus 2, Variationen über das Duett „Là ci darem la mano“ (deutsch „Reich mir die Hand, mein Leben“) aus Mozarts Don Giovanni für Klavier und Orchester, entstand 1827/28 und wurde am 11. August 1829 von Chopin selbst im Wiener K. und K. Hoftheater nächst dem Kärntnerthore uraufgeführt. Die Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung (AmZ) schrieb darüber:

„Herr Chopin, Pianist aus Warschau, dem Vernehmen nach Würfels Schüler, führte sich als Meister vom ersten Range ein. Die ausgezeichnete Zartheit seines Anschlags, eine unbeschreibliche mechanische Fertigkeit, sein vollendetes, der tiefsten Empfindung abgelauschtes Nuançiren, Tragen und Schwellen der Töne, des Vortrags so seltene Klarheit und seine durch hohe Genialität gestempelten Erzeugnisse – Bravour–Variationen, Rondeau, freye Phantasie, – geben den von der Natur so überaus freygebig bedachten, selbstkräftigen Virtuosen zu erkennen, der, ohne vorher gegangenes Ausposaunen, als eines der leuchtendsten Meteore am musikalischen Horizonte erscheint.“
– Allgemeine musikalische Zeitung, 18. November 1829.

Über die im Wiener Verlag Tobias Haslinger erschienene Notenausgabe brachte die AmZ vom 7. Dezember 1831 unter dem Titel Ein Opus II. eine huldigende Rezension von Robert Schumann, die mit dem Ausruf „Hut ab, Ihr Herren, ein Genie“ eingeleitet wurde. Und weiter: „Chopin kann nichts schreiben, wo nicht spätestens nach dem siebten, achten Takt ausgerufen werden muss: Das ist Chopin!“ An anderer Stelle: „Chopins Werke sind wie unter Blumen verborgene Kanonen“, der später in abgewandelter Form zum Buchtitel „Unter Blumen eingesenkte Kanonen“ wurde, in dem Reinhard Piechocki Chopins Musik in dunkler Zeit (1933–1945) beschreibt.

Chopin war bereits in Polen ein gefeierter Musiker. Ein Teil seiner Etüden, einige Mazurkas und Polonaisen sowie seine beiden Klavierkonzerte entstanden in Polen, noch vor seinem 20. Lebensjahr.

Sein letztes Konzert in Polen gab er am 11. Oktober 1830 im Nationaltheater Warschau mit der Wiedergabe seines Klavierkonzertes e-Moll (Opus 11) und der Grande Fantaisie sur des Airs Nationaux polonais pour le Pianoforté avec accompagnement d’Orchestre (deutsch Große Fantasie über polnische Weisen für das Pianoforte mit Orchesterbegleitung) A-Dur (Opus 13) unter der Leitung des italienischen Komponisten Schweizer Herkunft Carlo Evasio Soliva (1791–1853). 1821 war Soliva zum Direktor des Institutes für Musik und Deklamation nach Warschau berufen worden, wo er den jungen Chopin kennengelernt hat. Er verblieb auch später noch in Paris mit Chopin und Sand in freundschaftlicher Verbundenheit.

In seiner Jugend war Tytus Woyciechowski (1808–1879) ein Schul- beziehungsweise Studienkollege Chopins am Warschauer Lyceum, darüber hinaus häufiger Gast der Familie Chopin. Viele seiner Jugendfreunde wie Tytus Woyciekowski, Jan Biafobłocki, Jan Matuszyński, Dominik Dziewanowski und Julian Fontana blieben ihm lebenslang verbunden. Woyciechowski hatte wie Chopin bei Vojtěch Živný Klavierunterricht  und studierte dann Jura an der Universität Warschau. Chopin widmete ihm sein Opus 2, die Variationen über Mozarts Duett Là ci darem la mano. Im Jahre 1830 besuchte Chopin Woyciechowski auf dessen Anwesen in Poturzyn.

Chopins Freund Woyciechowski fungierte als Vertrauter während Chopins Liebesbeziehung zu der Sängerin Konstancja Gładkowska (1810–1889), die am Warschauer Konservatorium ausgebildet wurde. Im Jahr 1829, während eines Konzerts von Solisten der Universität, traf sie Fryderyk Chopin, dessen erste Liebe und Inspiration sie wurde. Als Chopin im Herbst 1830 das Land verließ, sang sie bei seiner Abschiedszeremonie. Die Korrespondenz zwischen den Liebenden endete nach einem Jahr.

Schon in seiner Jugend war Chopin viel gereist. Reisen waren bis an sein Lebensende Bestandteil seines Lebens. Seine Interessen waren breit gestreut. Er besuchte Museen, Ausstellungen, Konzerte und Opern, Bibliotheken, Universitäten und bewunderte Bauwerke und deren Architektur.

Chopin im Ausland (1830–1849)

Chopin wusste, dass die wirklich großen Musiker nicht in Warschau und auch nicht mehr in Wien, sondern in Paris, der Hochburg für Künstler aus aller Welt im 19. Jahrhundert, zu finden waren. Die Größe eines Pianisten wurde damals am Erfolg in dieser Metropole gemessen.[24] Erstmals schickten ihn seine Eltern und sein Lehrer 1829 für drei Wochen nach Wien, um seine künstlerischen Erfahrungen zu erweitern. Nach Angaben von Oskar Kohlberg nahm er bereits 1822 Deutschunterricht bei Pastor Jerzy Tetzner. Im November 1830 kam er voller Optimismus ein zweites Mal nach Wien.

Chopin verlässt Polen

Chopin verließ Polen am 2. November 1830 im Alter von 20 Jahren – auch auf Drängen seines Vaters vor der drohenden Revolte – und reiste über Kalisz, Breslau, Prag und Dresden nach Wien, wo er am 23. November 1830 ankam. Die Freunde überreichten ihm am letzten Abend einen Silberpokal mit polnischer Erde und sangen ihm am Stadtrand noch ein Abschiedslied, das folgenden Refrain enthielt:

„Refrain:
Obwohl du unsere Lande verlässt,
bleibt dennoch dein Herz mitten unter uns;
die Erinnerung an dein Talent wird bei uns fortbestehen ...
Wir wünschen dir von Herzen überall Erfolg.“

Zweiter Aufenthalt in Wien (November 1830–Juli 1831)

Chopin kam nach einem viertägigen Aufenthalt in Breslau (mit einem Konzert am 8. November 1830) und einer Woche in Dresden mit seinem Freund Tytus Woyciechowski am 23. November 1830 in Wien an. „Wir haben auf dem Kohlmarkt, an der Hauptstraße, drei Zimmer gemietet, allerdings im dritten Stock, aber hübsch und vornehm und elegant möbliert“, bemerkte er in einem seiner Briefe. Die Monatsmiete war mit 25 Gulden günstig. Chopin versuchte vergeblich, den Musikverleger Carl Haslinger (1816–1868), der ihn freundlich empfing, zu bewegen, seine Kompositionen (Sonate, Variationen) herauszugeben. Der Wiener Musikgeschmack hatte sich geändert, sodass er während seines achtmonatigen Aufenthalts – im Gegensatz zu seinem ersten Aufenthalt in Wien – nur ein öffentliches Konzert am 11. Juni 1831 gab. Es fand im Kärntnertortheater im Rahmen der sogenannten Akademien statt. Chopin spielte in diesem Benefizkonzert ohne Honorar sein e-Moll Klavierkonzert. Die Presse lobte zwar sein Klavierspiel, aber nicht die Komposition.

Folgen des Novemberaufstands in Polen

Anfang Dezember 1830 erreichte Chopin in Wien die Nachricht, dass am Abend des 29. November 1830 die später sogenannte Novemberrevolution gegen die russische Herrschaft in Warschau ausgebrochen war. Woyciechowski verließ Wien, um am Aufstand teilzunehmen und hinterließ einen einsamen, von Heimweh geplagten Chopin. Nach einem Aufenthalt von über sieben Monaten, den Chopin als enttäuschend empfand, weil er zwar als Pianist Anerkennung fand, nicht jedoch als Komponist, und er von Sorge über das ungewisse Schicksal Polens geprägt war, verließ Chopin am 20. Juli 1831 Wien. Die Große Emigration (polnisch Wielka Emigracja) war eine Emigration polnischer politischer Eliten, die zeitgleich begann und bis 1870 andauerte. Diese Große Emigration aus Polen ging größtenteils nach Frankreich, vorwiegend nach Paris, und umfasste 5472 Emigranten. Fryderyk Chopins Musik, die sich von Volksquellen inspirieren ließ, spielte eine große Rolle in der Entwicklung des Nationalgeistes. Die Synthese der polnischen Geschichte, entwickelt von Joachim Lelewel (1768–1861), hatte großen Einfluss auf die Ideologie des polnischen demokratischen Lagers und auf die spätere Geschichtsschreibung. Die Polnische Literarische Gesellschaft wurde durch die Emigranten gegründet und zum politischen Zentrum der Exilpolen.

Die komplizierten Ausreiseformalitäten – Chopin war Pole und damit Untertan des russischen Zaren – brachten es mit sich, dass Chopin, trotz seines erstrebten Reisezieles Paris, auf Anraten eines Freundes einen Antrag auf einen Pass nach England stellte, weil er für die Einreise nach Paris weder von den österreichischen noch von den russischen Behörden Unterstützung erhoffen konnte. Sein Gesuch wurde von der russischen Botschaft in Wien abgelehnt. Es gelang ihm aber, ein Visum nach Frankreich zu erhalten. Sein Reisepass trug den Vermerk: „passant par Paris à Londres“ (deutsch Durchreise über Paris nach London). Er gab dies an, nachdem er von einem in diplomatischen Gepflogenheiten erfahrenen Freundes als endgültiges Reiseziel London – über Paris – angeben hat. Chopin sagte später in Paris öfter scherzhaft, er halte sich hier nur „en passant“ – auf der Durchreise – auf. Chopin hatte jedoch die Absicht, wenigstens drei Jahre in Paris zu bleiben. Er fuhr über Salzburg, München und Stuttgart, das er Anfang September 1831 erreichte und wo er von der Niederschlagung des polnischen Aufstandes und der am 8. September 1831 erfolgten Kapitulation Warschaus erfuhr. Er setzte die Reise über Straßburg nach Paris fort, wo er als ein völlig Unbekannter am 5. Oktober 1831 ankam. Er hatte lediglich ein Empfehlungsschreiben an die in Paris wirkenden Komponisten Luigi Cherubini (1760–1842) und Ferdinando Paër (1771–1839).

Paris sollte bis zu seinem Tod Mittelpunkt seines Lebens und Schaffens bleiben.

Chopin in Paris (1831–1849)

Der italienische Komponist und Hofkapellmeister Ferdinando Paër setzte sich bei den Behörden für Chopin ein, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Chopin war von Paris fasziniert. „Die schönste aller Welten“, schrieb er in einem Brief nach Polen. Hier lernte er Friedrich Kalkbrenner (1785–1849) kennen, den er als Pianisten schätzte und der das Angebot machte, ihn drei Jahre lang zu unterrichten. Damit hätte sich Chopin auch verpflichtet, für diesen Zeitraum auf Auftritte zu verzichten. Kalkbrenner hatte das außergewöhnliche Talent Chopins erkannt und wollte im Musikbetrieb womöglich Konkurrenz vermeiden. Chopin lehnte den Vorschlag ab, in der Sorge, seine persönliche Art des Klavierspiels zu verlieren. Selbstbewusst stellte er fest, nichts werde „imstande sein, einen vielleicht allzu kühnen, aber edlen Willen und Plan, sich eine neue Welt zu schaffen, zu verwischen“. Chopins Briefen kann entnommen werden, dass er den Vermutungen seiner Freunde und seines Lehrers Elsner entgegentrat, Kalkbrenner habe es nur darauf abgesehen, sich damit zu schmücken, der Lehrer Chopins zu sein.

Bei Chopins Ankunft in Paris Anfang Oktober 1831 herrschte eine Zeit der wirtschaftlichen Krise, die immer wieder zu Demonstrationen führte. Unruhe, Not und Verbitterung kennzeichneten die Stimmung der Arbeiterklasse. Chopin war in einer schlechten körperlichen und seelischen Verfassung. In einem Brief an Titus Woyciechowski vom 25. Dezember 1831 beschrieb er seine Lage:

• Brief Chopins an Tytus Woyciechowski
„... meine Gesundheit ist jämmerlich. Ich bin äußerlich fröhlich, besonders unter den Unsrigen (mit Unsrigen meine ich die Polen), aber im Inneren plagt mich etwas – irgenwelche Vorahnungen, Unruhe, Träume oder Schlaflosigkeit – Sehnsucht – Gleichgültigkeit – der Wille zu leben und dann wieder Todesverlangen – irgendein süßer Friede, irgendeine Erstarrung, Geistesabwesenheit und manchmal quält mich eine genaue Erinnerung. Mir ist sauer, bitter, salzig zumute, eine hässliche Mischung von Gefühlen wirft mich hin und her!“
– Frédéric Chopin, Brief an Titus Woyciechowski, Paris, 25. Dezember 1831.

In Paris hatte Chopin bald nach seiner Ankunft am 5. Oktober 1831 erste Kontakte mit polnischen Emigrantenkreisen, die im Laufe der Zeit immer enger wurden. Er lernte Valentin Radziwiłł kennen, den Sohn des Fürsten Anton Radziwiłł (1775–1833), der ihn zu einer Gesellschaft im Hause Rothschild einlud, wo sich alles traf, was in Paris Rang und Namen hatte und er durch sein Vorspiel begeisterte. Bald war Chopin Gast in den wichtigen einflussreichen Pariser Salons. Von besonderer Bedeutung für Chopin sollten die salons genannten Räume des Gebäudes der Klaviermanufaktur von Camille Pleyel (1788–1855) in der Rue Cadet Nr.9 werden. Hier fand am 25. Februar 1832 durch Vermittlung des Pianisten Kalkbrenner, der auch Teilhaber der Firma Pleyel war, das erste Konzert Chopins in Paris statt. Es war ein großer Erfolg und legte den Grundstein für die erfolgreiche Karriere Chopins als Komponist, Pianist und vor allem als gesuchter Klavierlehrer von Angehörigen der Aristokratie. Das gedruckte Programm dieses „Grand Concert Vocal et Instrumental, donné par M. Frédéric Chopin, de Varsovie“ ist erhalten. Chopin spielte sein Klavierkonzert in e-Moll (nicht das in f-Moll, wie man lange Zeit glaubte), seine „Grandes Variations brillantes sur un thème de Mozart“ (die Variationen opus 2) und gemeinsam mit Kalkbrenner, Mendelssohn-Bartholdy, Hiller, Osborn und Sowenski, eine Polonaise für sechs Klaviere von Kalkbrenner.

In den 18 Jahren, die Chopin von 1831 bis zu seinem Tode im Jahr 1849 im Wesentlichen in Paris verbrachte, wohnte er in neun verschiedenen Wohnungen.

Als Chopin nach Paris kam, bestand die musikalische Elite aus wenigen älteren Größen wie Luigi Cherubini, dem Leiter des Konservatoriums, Ferdinando Paër, Jean-François Lesueur, berühmten Opernkomponisten wie Daniel-François-Esprit Auber und Ferdinand Hérold und vor allem Gioachino Rossini (1792–1868) und Giacomo Meyerbeer. Beethoven, Weber und Schubert waren schon tot und die nächste Generation der künftigen großen Komponisten, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann, Franz Liszt, Giuseppe Verdi und Richard Wagner standen am Anfang ihres Schaffens.

Wirtschaftliche Situation

Chopin bestritt seinen Lebensunterhalt in erster Linie mit Klavierunterricht. Zu Chopins Zeit war das Klavier ein weitverbreitetes Instrument, das vorwiegend von Frauen erlernt wurde. Seine große Beliebtheit seit Beginn des 19. Jahrhunderts, die von manchen Beobachtern wie Heinrich Heine in Paris oder Eduard Hanslick in Wien sehr kritisch beurteilt wurde, hat mehrere Gründe. Der Sozialphilosoph Max Weber sagt, dass das Klavier seinem „ganzen musikalischen Wesen nach ein bürgerliches Hausinstrument“ sei. Es eröffnet durch seine, aus der Sicht des Benutzers, einfache Tonerzeugung einen unmittelbaren Zugang, auch für Laien, zu verschiedenen Arten von Musik, vom einfachen Kinderlied bis zur virtuosen Konzertliteratur. Durch seinen frühzeitigen Verkehr in den Pariser Salons der Aristokratie und auch der Welt der Politik und Finanzen, die Protektion der polnischen adeligen Emigranten und nicht zuletzt aufgrund des durchschlagenden Erfolges seines ersten Konzertes in Paris (25. Februar 1832) war Chopin bald ein gesuchter, gut bezahlter Klavierlehrer, dessen Schülerinnen und Schüler vorwiegend aus den Kreisen des Adels und den einflussreichen Milieus von Politik und Finanzen stammten. Zu seinen Schülerinnen gehörten unter anderem die Töchter des Comte Charles-Joseph de Flahaut – Diplomat und Mitglied der Chambre des Pairs und berühmter Liebhaber Delfina Potockas, weiterhin die Comtesse Thérèse Apponyi – Ehefrau des österreichischen Botschafters, die Comtesse Élise de Perthuis – Ehefrau vom Adjutanten des Königs Louis-Philippe I., die Töchter des Duc Paul de Noailles, aber auch Baron Nathaniel Stockhausen und seine Frau.

Chopin hatte ab 1833 ein geregeltes Einkommen, das er durch Honorare für Konzerte und Kompositionen, die er manchmal gleichzeitig Verlegern in Frankreich, England und Deutschland anbot, zusätzlich aufstocken konnte. Von der Entlohnung und dem Umgang mit seinen Kompositionen war er sehr enttäuscht, was aus seinen Briefen an seine intimsten Freunde folgt:

„Pleyel ist ein Gauner Probst ein Lump. In Geldangelegenheiten musst du mit ihm alles präzise festlegen und die Manuskripte nur gegen sofortiges Bargeld abgeben. – Mein Gott, Muss man denn immer mit Schurken zu tun haben? Dieser Pleyel, der behauptete, Schlesinger zahle mir schlecht, findet heute 500 Francs für ein Manuskript mit Rechten für alle Länder zu teuer. Und Probst, dieser Schurke, der mir für die Mazurken 300 Francs bezahlen will. Die letzten Mazurken haben mir 800 eingebracht: Probst 300, Schlesinger 400 und Wessel 100. [...] Die Préludes habe ich Pleyel verkauft, der dafür 500 Francs bezahlt hat. [...] Deutsche Betrüger, jüdische Ganoven, Schurken, Schinder, Halsabschneider, Bluthunde!“
– Frédéric Chopin

Chopin konnte sich eine private Kutsche und Bedienstete leisten und legte Wert auf teure Kleidung. Infolge seines aufwendigen Lebensstils sah er sich bald genötigt, statt vier nun täglich fünf Stunden zu unterrichten. Das Unterrichtshonorar betrug 20 Francs. (Zur Kaufkraft: Eine Kutschenfahrt durch Paris kostete 1 Franc). Bei Hausbesuchen verlangte er 30 Francs pro Stunde, was einem heutigen Wert von etwa 200 € entspricht. Eine Unterrichtsstunde dauerte 45 Minuten, die er jedoch bei seinen begabten Schülern verlängerte. Der Unterricht bei Chopin wurde zu einem Statussymbol. Er hatte in Paris etwa 150 Schüler. Chopins Einkünfte betrugen während seiner Berufstätigkeit 1833–1847 etwa 14.000 Francs pro Jahr, was im Jahre 2018 etwa 100.000 € entspräche. Damit konnte er seine Ausgaben gerade decken.

Insgesamt hatte Chopin etwa 30 öffentliche Auftritte. davon fünf in Warschau, zwei in Bad Reinerz, einen in Breslau, drei in Wien, einen in München, drei in London, je einen in Rouen, Manchester, Glasgow und Edinburgh. Er zog dabei in Paris, wo er zwölf Konzerte gab – im Gegensatz zu Liszt – die intime Atmosphäre der Pariser Salons den großen Konzertsälen vor.

Gesellschaftliches Leben und Freundeskreis

Chopin wurde 1832 Mitglied der 1832 in Paris von den polnischen Emigranten Adam Jerzy Czartoryski (1770–1861) und Alexandre Colonna-Walewski (1810–1868) gegründeten Société littéraire polonaise (deutsch Polnische literarische Gesellschaft), unter der damaligen Präsidentschaft Graf Cezary Plater (1810–1869). 1854 wurde die Gesellschaft in Société historique et littéraire polonaise (deutsch Polnische historische und literarische Gesellschaft) umbenannt. Sie hat bis heute ihren Sitz in Paris, 6 Quai d’Orléans.

Zu Chopins Zeit wurden in Paris etwa 850 Salons geführt, halb private, in großen Häusern übliche Zusammenkünfte von Freunden und Kunstsinnigen, die sich mit gewisser Regelmäßigkeit, wöchentlich oder monatlich, zum Abendessen, Gesprächen und Musik trafen. Wer in diesen Zirkeln der Pariser Großbürger verkehrte, der hatte es zu gesellschaftlicher Reputation gebracht. Am wohlsten dürfte sich Chopin in den Künstlersalons gefühlt haben, wo er unter seinesgleichen verkehrte und Musizieren und Gedankenaustausch intellektuelles Niveau sicherten.[44] Durch George Sand lernte er den Philosophen und Verfasser politischer Schriften Hugues Félicité Robert de Lamennais kennen, den er, ebenso wie die übrigen polnischen Immigranten, wegen seiner Haltung zur prekären Lage Polens schätzte. Ein Zeichen für die gesellschaftliche Anerkennung, die Chopin in Paris genoss, ist die Einladung, der königlichen Familie, im Palast in den Tuilerien zu spielen. Er erhielt jedes Mal ein Geschenk, mit der eingravierten Inschrift „Louis-Philippe, Roi des Français, à Frédéric Chopin“ (deutsch Louis Philippe, König der Franzosen, an Frédéric Chopin).

Zu Chopins Freundeskreis zählten die Dichter Alfred de Musset (1810–1857), Honoré de Balzac (1799–1850), Heinrich Heine (1797–1856) und Adam Mickiewicz (1798–1855), der Maler Eugène Delacroix (1798–1863), die Musiker Franz Liszt (1811–1886), Ferdinand von Hiller (1811–1885), der Cellist Auguste-Joseph Franchomme (1808–1884). Heinrich Heine schrieb im Jahre 1838 in seinem Pariser Kunstbrief: „Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und den geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine Anmut, seine Grazie und Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn.“ Von besonderer Bedeutung für Chopin war der gleichaltrige Julian Fontana (1810–1869), mit dem ihm seit der Kindheit eine lebenslange Freundschaft verband. Fontana schloss sich dem polnischen Novemberaufstand an und musste 1831 das Land verlassen. Er blieb zunächst in Hamburg und ließ sich 1832 in Paris als Pianist und Klavierlehrer nieder. Bis zu seiner Emigration in die Vereinigten Staaten (1841) war er für Chopin unentbehrlich als Kopist, Arrangeur, Sekretär und Impresario, der auch mit den Verlegern verhandelte und sich um die Alltagsgeschäfte seines Freundes kümmerte. Nach Chopins Tod veröffentlichte er – gegen den früher geäußerten Willen des Komponisten, aber mit Zustimmung der Familie – einige nachgelassene Werke mit den Opuszahlen 66–73 (erschienen 1855) und 74 (erschienen 1859). Der Pianist, Musikverleger und Klavierfabrikant Camille Pleyel gehörte von Anfang an zu den wichtigsten Personen in Chopins Pariser Zeit. Es war eine von Freundschaft und gegenseitigem Respekt geprägte berufliche Zusammenarbeit, die beiden zugute kam. Die Klaviere und Flügel, die Pleyel Chopin vermietete, zur Verfügung stellte oder verkaufte waren für Chopin, wie er es ausdrückte das non plus ultra des Klavierbaus und für Pleyel war Chopin ein geschätzter Werbeträger, wie aus den Verkaufsstatistiken der Firma hervorgeht.

Reisen und Verlobung: Aachen, Karlsbad, Leipzig

Im Mai 1834 reiste Chopin nach Aachen zum Niederrheinischen Musikfest. Er besuchte Köln, Koblenz und Düsseldorf, wo er Felix Mendelssohn Bartholdy begegnete. In der Folge konzertierte Chopin immer häufiger. Im Sommer reiste er nach Karlsbad, wo er seine Eltern traf. Nach seiner Weiterreise nach Dresden lernte er Maria Wodzińska (1819–1896) kennen. Er traf sie und ihre Familie 1836 in Marienbad wieder, wo sie zur Kur weilten und es – trotz des Protestes ihres Onkels – zur Verlobung von Chopin und Wodzińska kam. Marias Mutter bestand aber darauf, dass diese bis zum Sommer des darauffolgenden Jahres geheimgehalten wurde.

1835 machte Chopin in Leipzig, vermittelt durch Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), Bekanntschaft mit Clara (1809–1896) und Robert Schumann sowie 1836 mit Adolph von Henselt (1814–1889) in Karlsbad. Nur ein Jahr später wurde die Verlobung mit Maria Wodzińska – wohl auf Drängen ihrer Eltern bezüglich des angeschlagenen Gesundheitszustands Chopins – wieder aufgelöst.

Polnischer Patriot

Trotz seiner Erfolge und starken Verwurzelung im kulturellen Leben von Paris, sowie eines großen Freundeskreises, der die polnischen Emigranten einschloss, sehnte sich Chopin nach Polen und seiner Familie und litt, wie aus seinen Briefen und Aussagen hervorgeht, unter ständigem Heimweh. Zeitlebens bestand Chopin auf der polnischen Aussprache seines französischen Nachnamens: [ˈʃɔpɛn]. Sein Heimatgefühl und seinen Nationalstolz drückte er besonders in den 43 zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Mazurken aus. Der Ausdruck der Sehnsucht, Nostalgie und Schwermut (polnisch ”żal”) wurde neben der Betonung des Polentums (polnisch „polskość“) zum wichtigsten Merkmal seiner Musik und machte ihn zu einem der am meisten gespielten Komponisten der Musikgeschichte. Als glühender polnischer Patriot stand er ganz auf der Seite des Widerstands gegen das zaristische Russland, das das sogenannte Kongresspolen besetzt hielt. Wenn vor Weihnachten ein polnischer Wohltätigkeitsbasar stattfand, half Chopin bei dessen Organisation. Sein Patriotismus und seine Sehnsucht nach Polen blieben die wichtigste Inspirationsquelle für die meisten seiner Kompositionen. Inspiriert durch den Aufstand entstand seine Revolutionsetüde (Opus 10 Nr. 12). Sie führten jedoch nicht zu politischer Aktivität. Er fühlte sich als Emigrant, aber in dem Sinne, wie sich alle Künstler der Romantik selbst sahen: Seine wahre Heimat war das ferne Arkadien. Der polnische Musikwissenschaftler Zieliński weist darauf hin, dass Chopin an den Etüden Opus 10 vorwiegend in Wien gearbeitet habe und dass die Grundidee zur sogenannten Revolutionsetüde Opus 10/12 schon vor dem Stuttgarter Aufenthalt existiert habe. Zudem passe der Ausdruck von Kampf und Heroismus, den die Etüde ausstrahlt, nicht zu den Gefühlen, die eine Niederlage und Kapitulation auslösen.

Chopin und die Religion

Chopin fühlte sich zutiefst mit dem Christentum verbunden. In vielen Briefen an seine in Polen verbliebene Familie brachte er seine Sehnsucht nach den in polnisch-katholischer Tradition gefeierten Festen etwa zu Weihnachten oder Ostern zum Ausdruck – Traditionen, die den Franzosen völlig fremd waren, beispielsweise Bräuchen wie Pasterka am Heiligen Abend und dem Weihnachtsessen (polnisch Wigilia) mit polnischen Weihnachtsoblaten und polnischen Weihnachtsliedern (polnisch Bożonarodzeniowe opłatki i kolędy). Dabei werden die Oblaten im Familienkreis gegenseitig gebrochen, wobei man sich Glück und Segen für das kommende Jahr wünscht. Oder die Osterspeisensegnung, (polnisch Wielkanocne święcone) am Karsamstag, bei dem die Święconki zur katholischen Pfarrkirche gebracht werden und dort gesegnet und mit Weihwasser besprengt werden, bevor man sie traditionell beim Osterfrühstück am Ostersonntag im Kreis der Familie verzehrt.

Obwohl Chopin Teile der Heiligen Schrift auswendig kannte, hat er seinen Glauben nicht mit Worten offenbart. Der Musikwissenschaftler Bohdan Pociej (1933–2011) interpretiert jedoch das Prélude E-Dur Opus 28 Nr. 9 als einen Ausdruck seiner religiösen Gefühle.

Rückkehr nach Polen verwehrt

1837 erhielt Chopin über Graf Carlo Andrea Pozzo di Borgo (1764–1842) das Angebot, Hofkomponist und -pianist des Zaren Nikolaus I. (1796–1855) zu werden. Hintergrund war ein Konzert, das Chopin im Mai 1825 auf einem Aeolomelodicum[54] (einer Orgelvariante) vor seinem Vorgänger, Zar Alexander I. (1777–1825) noch in Warschau in der Dreifaltigkeitskirche gegeben hatte. Der Zar hatte ihn seinerzeit mit einem kostbaren Brillantring belohnt.[55] Chopin habe nichts zu befürchten, versicherte Graf Borgo. Er gelte nicht als politischer Emigrant, da er das Land schon vor dem Novemberaufstand verlassen habe. Dass er es versäumt habe, sein Visum in die Heimat zu verlängern, stelle kein Problem dar. Chopin wies das Angebot zurück und antwortete, er habe zwar nicht aktiv am Novemberaufstand teilgenommen, was er sehr bedaure. Aus der Ferne aber habe er immer die Partei der Aufständischen ergriffen und nur ihnen den Sieg gewünscht. Bis heute fühle er sich mit ihnen vereint in der Trauer über die Niederlage durch die „Moskaler“[A 4] (Russen). Zudem verzeihe er es den Franzosen nicht, dass Frankreich Polen während des Novemberaufstands nicht zu Hilfe geeilt war. „Und die furchtbarsten Qualen mögen die Franzosen heimsuchen, die uns nicht zu Hilfe gekommen sind!“, schrieb er in sein Tagebuch.

Durch die Absage war ihm jedoch dauerhaft eine Rückkehr in das Kongresspolen verwehrt.

Chopin und George Sand

Chopin lernte die erfolgreiche Schriftstellerin Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil alias George Sand (1804–1876) im Hause Franz Liszts kennen. Seine erste Reaktion auf diese in Männerkleidung auftretende, Zigarren rauchende Frau war Ablehnung. Der 27-jährige Chopin 1837 war wegen einer unglücklichen Liebe zu der damals 18-jährigen Maria Wodzińska in eine Lebenskrise geraten. Maria Wodzińska und die 33-jährige George Sand waren jedoch grundverschieden. Wodzińska war ein femininer Typ, George Sand eine selbstbewusste, provozierende und widersprüchliche Persönlichkeit. Ihr neunjähriges Verhältnis mit Chopin, eine Liebesbeziehung, geprägt anfangs von Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung, Zärtlichkeit, aber später auch von Eifersucht, Hass und Misstrauen, lässt viele Fragen offen.

George Sand war eine leidenschaftliche Frau, der eine ganze Reihe zumeist jüngerer Männer regelrecht verfielen. Ob das Leidenschaftliche auch auf Chopin zutraf, lässt sich nicht sicher beantworten. George Sand hat zahlreiche an sie gerichtete Briefe vernichtet, sodass hierfür keine eindeutigen Belege überliefert sind. Deutliche Hinweise gibt jedoch ein zweiunddreißig Seiten langer Brief George Sands an Chopins Freund Wojciech Grzymała (1793–1871) von Ende Mai 1838, in dem sie ihn um Rat bat. Sie befand sich in einem Zwiespalt, weil sie noch eine Beziehung zu dem Schriftsteller Félicien Mallefille unterhielt, aber andererseits eine Zuneigung zu Chopin gefasst hatte, über dessen Gefühle zu ihr sie im Unklaren war. Es muss aber auf jeden Fall zu einer näheren Begegnung der beiden gekommen sein.

• Brief George Sands an Albert Grzymala (französisch)
„Und da ich Ihnen alles sage, will ich Ihnen auch sagen, dass mir eine einzige Sache an ihm missfallen hat. [...] Er schien, nach Art der Frömmler, die groben menschlichen Begierden zu verachten und zu erröten über seine Versuchungen, und er schien zu fürchten, unsere Liebe durch eine stärkere Erregung zu beschmutzen. Diese Art der Betrachtung der äußersten Liebesvereinigung hat mich immer abgestoßen. Wenn diese letzte Umarmung nicht eine ebenso heilige und reine Sache ist wie alles andere, so liegt keinerlei Tugend darin, sich ihrer zu enthalten [...] Kann es denn jemals Liebe geben ohne einen einzigen Kuss und einen Kuss der Liebe ohne Wollust?““
– George Sand: Brief an Albert Grzymala, Mai 1838 (gekürzter Ausschnitt)

In der Zeit der neun Jahre dauernden Beziehung hielt sich das Paar abwechselnd in Paris und auf George Sands Landsitz in Nohant, dem heutigen Maison de George Sand, auf.

Valldemossa

Im November 1838 machte George Sand mit ihren Kindern Maurice und Solange eine Reise nach Mallorca. Der Entschluss hierzu beruhte auf ärztlichem Rat, denn man erhoffte eine Verbesserung des Gesundheitszustands von Maurice, der an Rheumatismus erkrankt war. Da Chopin an Tuberkulose litt und sich eine Besserung durch ein milderes Klima erhoffte, schloss er sich der Familie an. Während Maurice sich erholte, stand für Chopin der Aufenthalt in der Kartause von Valldemossa in der Serra de Tramuntana unter keinem guten Stern. Die Räumlichkeiten waren kalt und feucht, das Wetter sehr schlecht. Hinzu kam die ablehnende Haltung der Mallorquiner gegenüber dem nicht verheirateten Paar, und auch der Argwohn, dass das Husten Chopins auf eine ansteckende Krankheit deute. Der Hotelier in Palma berechnete den Urlaubern das komplette Zimmer-Interieur, da er es wegen Ansteckungsgefahr ersetzen müsse.

Schon bald zeigten sich bei Chopin alle Anzeichen einer Lungenentzündung, wie George Sand später schriftlich beklagte. Am 13. Februar 1839, nach dreieinhalb Monaten, verließen sie und Chopin die Insel. Trotz der relativen Kürze hatte der Aufenthalt auf Mallorca sowohl Chopin als auch George Sand stark mitgenommen. Aber anders als George Sand, die ihre zum Teil negativen Erfahrungen in dem 1842 erschienenen Bericht Un hiver à Majorque (deutsch Ein Winter auf Mallorca) aufarbeitete, reagierte Chopin weniger nachtragend. Der oft zitierte Brief vom 3. Dezember 1838 über die ärztliche Kunst der Mallorquiner ist möglicherweise weniger boshaft gemeint als vielmehr Zeugnis seiner Selbstironie, deren Chopin sich oft bediente, um mit seiner chronischen Erkrankung umzugehen.

• Brief Chopins an Julian Fontana (polnisch)
„Die drei berühmtesten Ärzte der ganzen Insel haben mich untersucht; der eine beschnupperte, was ich ausspuckte, der zweite klopfte dort, von wo ich spuckte, der dritte befühlte und horchte, wie ich spuckte. Der eine sagte, ich sei krepiert, der zweite meinte – dass ich krepiere, der dritte – dass ich krepieren werde.“
– Chopin: Brief an Julian Fontana, Palma, 3. Dezember 1838.

Nachdem ein Instrument im ersten Hotel in Palma sich als völlig untauglich erwiesen hatte, hatte sich Chopin eigens ein Pleyel-Klavier nach Mallorca liefern lassen, das im Januar 1839 eintraf - womöglich das einzige Instrument, das Chopin je persönlich kaufte, da ihm sonst Klaviere und Flügel branchenüblich gestellt wurden. Auf Mallorca wurden die 24 Préludes Opus 28 fertiggestellt, zu denen das sogenannte Regentropfen-Prélude zählt. Im Kontext dieser Musikstücke wird gern darauf verwiesen, wie unwohl Chopin sich in der unbehaglichen Umgebung des Klosters gefühlt hatte. Ein Brief vom 28. Dezember 1838 belegt diese Annahme. Chopin schrieb an Julian Fontana:

• Brief Chopins an Julian Fontana (polnisch)
„Nur einige Meilen entfernt zwischen Felsen und Meer liegt das verlassene, gewaltige Kartäuserkloster, in dem Du Dir mich in einer Zelle mit Tür, einem Tor, wie es nie in Paris eins gab, vorstellen kannst, unfrisiert, ohne weiße Handschuhe, blaß wie immer. Die Zelle hat die Form eines hohen Sargs, das Deckengewölbe ist gewaltig, verstaubt, das Fenster klein, vor dem Fenster Apfelsinen, Palmen, Zypressen; gegenüber dem Fenster mein Bett auf Gurten unter einer mauretanischen, filigranartigen Rosasse (deutsch Rosette). Neben dem Bett ein nitouchable (deutsch „unberührbar“), ein quadratisches Klapppult, das mir kaum zum Schreiben dient, darauf ein bleierner Leuchter (hier ein großer Luxus) mit einer Kerze, Bach, meine Kritzeleien und auch anderer Notenkram ... still ... man könnte schreien ... und noch still. Mit einem Wort, ich schreibe Dir von einem seltsamen Ort.“
– Chopin: Brief an Julian Fontana, Palma, 28. Dezember 1838.

Nach Aussagen von George Sand litt Chopin in jener Zeit oft unter Halluzinationen.[63] Einer seiner Biografen, der Musikwissenschaftler Bernard Gavoty (1908–1981), berichtet, wie Chopin im August 1848 im britischen Manchester ein Konzert abbrach und regelrecht floh, weil er um sich seltsame Geschöpfe sah. Chopin selbst schrieb in einem Brief an Sands Tochter über diesen Zwischenfall: „Das Allegro und das Scherzo hatte ich mehr oder weniger korrekt vorgespielt, und als ich gerade mit dem Marsch beginnen wollte, sah ich plötzlich aus dem halb geöffneten Piano diese verfluchten Kreaturen, die mir auch in dem düsteren Kartäuser-Kloster erschienen waren.“ Spanische Neurologen kommen zu dem Schluss, dass sich die heftigen Visionen am besten mit der sogenannten Schläfenlappen-Epilepsie erklären lassen.

Nohant und Paris

Nach der Rückkehr von Mallorca nahm Chopins Leben einen geregelten Verlauf. Die Winter waren dem Unterrichten, den gesellschaftlichen Veranstaltungen, dem Kulturleben, den Salons und den wenigen eigenen Auftritten gewidmet. Die mehrmonatigen Sommeraufenthalte verbrachte das Paar bis einschließlich 1846 meist auf George Sands ererbtem Landsitz in Nohant. Chopin verbrachte insgesamt sieben Sommer in Nohant: 1839 und 1841 bis 1846. Dort fand Chopin Zeit und Ruhe fürs Komponieren. Er empfing Freunde und debattierte etwa in Gesprächen mit Delacroix ästhetische Fragen. Er studierte dort das Belcanto-Repertoire des 18. Jahrhunderts und Luigi Cherubinis (1760–1842) Cours de contrepoint et de fugue (deutsch Lehrgang des Kontrapunktes und der Fuge).

In jenen Jahren wohnte und arbeitete Chopin in Paris ab Herbst 1842 die längste Zeit am Square d’Orleans Nr.9, einem kleinen ruhigen Platz ohne Durchgangsverkehr inmitten der Stadt, auf Empfehlung und in Wohnnachbarschaft der Gräfin Marliani, Ehefrau des spanischen Konsuls. Die Wohnung Marliani lag zwischen den Wohnungen Chopins und George Sands, sodass formal der bürgerliche Anstand gewahrt blieb. Links arbeitete Chopin, rechts die Sand, in der Mitte kümmerte sich die Marliani um beide und organisierte ihren Salon und die Tafel

Eine große Anzahl seiner Werke entstand in dieser letzten mit George Sand verbrachten Zeit.

Jedes Jahr finden in Nohant „Les fêtes romantiques de Nohant“ („das Festival der Romantik von Nohant“) und „Le Nohant festival Chopin“ („Das Chopin-Festival Nohant“) statt.

Ende der Beziehung und letzte Begegnung

Die Beziehung zwischen Chopin und George Sand endete 1847. Am 28. Juli 1847 schrieb George Sand ihren letzten Brief an Chopin. Er endet mit den Worten:

• Brief George Sands an Chopin (französisch)
„Adieu, mein Freund, mögen Sie rasch von allen Übeln geheilt werden, ich darf jetzt darauf hoffen (ich habe dafür meine Gründe) und ich werde Gott danken für diese wunderliche Auflösung einer exklusiven, neun Jahre währenden Freundschaft. Lassen Sie mich von Zeit zu Zeit wissen, wie es Ihnen geht. Es ist unnötig, auf das Übrige jemals zurückzukommen.“
– George Sand

Der Grund für die Trennung ist nicht eindeutig geklärt. Weder Chopin noch George Sand haben dazu Stellung bezogen. Bekannt ist, dass George Sand zu dieser Zeit sehr konfliktfreudig auftrat. Dass ihre Tochter Solange sich dem mittellosen Bildhauer Auguste Clésinger (1814–1883) zugewandt hatte, wollte George Sand keinesfalls akzeptieren. Auch Chopin waren Details zu Clésingers unstetem Leben zu Ohren gekommen, er riet Solange ebenso eindringlich ab – aber letztlich hielt er an seiner Freundschaft zu Solange fest, akzeptierte ihren unbedingten Entschluss, Clésinger zu heiraten und zur Not mit der herrischen Mutter zu brechen. Das war der Auslöser für Familienstreitigkeiten, bei denen es zu Handgreiflichkeiten zwischen dem Sohn Maurice und Clésinger beziehungsweise der dem Sohn beispringenden Mutter kam. Was im Einzelnen vorfiel, ist nicht gesichert, weil es hierüber von George Sand und Solange unterschiedliche Berichte gibt. Chopin, von der Nachricht brüskiert, dass Solange sich heimlich verlobt hatte, hielt gleichwohl seine Freundschaft zu ihr aufrecht.

George Sand und Chopin sahen sich noch einmal zufällig am Samstag, 4. März 1848. Beim Verlassen der Wohnung von Charlotte Marliani (18, rue de la Ville-Évêque) traf Chopin auf George Sand. Er teilte ihr mit, dass ihre Tochter vier Tage zuvor Mutter geworden war.

In der Geschichte meines Lebens schreibt George Sand:

• Aus George Sand: Histoire de ma vie (französisch)
„Im März 1848 sah ich ihn einen Augenblick lang wieder. Ich drückte seine kalte, zitternde Hand. Ich wollte mit ihm reden, aber er entzog sich mir. [...] Ich sollte ihn nicht wiedersehen. [...] Man hat mir gesagt, er habe bis ans Ende nach mir verlangt, mir nachgetrauert, mich wie ein Sohn geliebt, doch man hat es mir verschwiegen. Auch ihm hat man verschwiegen, dass ich immer bereit war, zu ihm zu eilen. [...] Für meine Jahre des Wachens, der Angst und der Hingabe haben mich Jahre der Zärtlichkeit, des Vertrauens und der Dankbarkeit belohnt, die eine Stunde der Ungerechtigkeit oder des Irrens vor Gott nicht auslöschen konnte.“
– George Sand: Geschichte meines Lebens

Die letzten Jahre (1847–1849)

Im Laufe des Jahres 1847 verschlechterte sich Chopins Gesundheitszustand ernstlich. Zielführende Therapieverfahren gegen die Tuberkulose waren seinerzeit noch unbekannt. Chopins Schülerin Jane Stirling (1804–1859), die bis zum Zerwürfnis Chopins mit George Sand eher im Hintergrund für Chopin gewirkt hatte, nahm sich nach der Trennung des Paares der Anliegen Chopins an und versuchte dessen immer größer werdende materielle Not zu lindern.

Am 16. Februar 1848 gab Chopin in der Salle Pleyel in der Rue Rochechouart (heute: Rue de Rochechouart) Nr. 20 sein letztes Konzert in Paris. Der wichtigste Teil dieses Konzertes war die Barcarolle.

Aufenthalt in England

Der französischen Februarrevolution 1848 entging Chopin durch einen sieben Monate dauernden Aufenthalt in Großbritannien, den Jane Stirling, die dem schottischem Adel entstammte, organisiert hatte. Die Strapazen dieser Reise führten später dazu, dass den Schwestern Stirling von weiten Kreisen der Chopin-Verehrer eine Mitschuld an seinem frühen Ende angelastet wurde, da die Stirlings ihn geradezu durch ihre sehr ausgedehnte schottische Verwandtschaft auf Besuche jagten. Er trat vor Queen Victoria (1819–1901) und Prince Albert (1819–1861) auf und reiste weiter nach Schottland, wo er in Edinburgh und Glasgow Konzerte auf Broadwood-Flügeln gab.

In London, wo Chopin im Saal von Broadway spielte, musste er eine Treppe heraufgetragen werden, da er bereits zu schwach zum Treppensteigen war. Sein letztes Konzert in England war am 16. November in der Londoner Guildhall, wo er spielte, obwohl er sehr krank war.

Während der Reise nach Schottland, die Chopin mit der Bahn machte, traf er die berühmte schwedische Opernsängerin Jenny Lind (1820–1887), die er zuvor in Paris kennengelernt hatte. Nach Chopins Tod ging sie auf Tour quer durch das von Russland besetzte Polen, wo sie mit italienischen Texten versehene Mazurkas sang. Sie nannte es Folio von Mazurkas von Chopin. Die erste, die Mazurka Nr. 16 Opus 24 Nr. 3 As-Dur, enthält die Zeilen: „Mio povero cuore, Dimentica il dolore ... Rimani fedele al tuo amore, il fedele ama che non muore mai!“ (deutsch „Mein armes Herz, Vergiss den Schmerz ... Bleib deiner Liebe treu, der treuen Liebe, die niemals stirbt!“).

Letzter Aufenthaltsort in Paris

Am 23. November kehrte er nach Paris zurück und nahm seine Unterrichtstätigkeit wieder auf, was ihm wegen seiner nachlassenden Kräfte, aber auch wegen nachlassender Nachfrage aufgrund der Unruhen allerdings nur sehr unregelmäßig gelang. Chopin zog aus dam Square d’Orléans aus und wohnte eine Weile in der damals mehr ländlichen Umgebung von Chaillot.

Die Pariser Freunde und Jane Stirling, wahrscheinlich mit Jenny Linds Unterstützung, verschafften ihm dann seine letzte Wohnung am Place Vendôme 12, in der er am 17. Oktober 1849 starb. Sie haben auch dafür gesorgt, dass Chopin in seinen letzten Lebensmonaten keinen materiellen Mangel litt, zumal er wegen seines Gesundheitszustandes weder unterrichten noch komponieren konnte und deshalb fast mittellos war.

Die große Wohnung in der Nähe des Louvre war zuvor die Residenz des Zarenbotschafters gewesen. Anfang Oktober 1849 verfasste Chopin sein Testament. Er wollte, dass alle unvollendeten und noch nicht veröffentlichten Partituren verbrannt werden sollten.

Bei einer Körpergröße von 1,70 m wog er nur 45 kg. Der Gedanke an den Tod begleitete ihn Zeit seines Lebens. Sein Vater, seine jüngste Schwester und zwei engste Freunde verstarben alle an Tuberkulose, derjenigen Krankheit, die auch sein Ende bedeuten sollte.

Tod und Begräbnis

Wenige Tage vor Chopins Tod am 17. Oktober 1849 kaufte Jane Stirling seinen Pleyel-Flügel. Chopin starb völlig mittellos im Alter von 39 Jahren, wahrscheinlich an Tuberkulose. Wissenschaftler untersuchten 2017 das in Cognac eingelegte Herz von Chopin und stellten fest, dass Chopin an einer Herzbeutelentzündung (Perikarditis) litt, die infolge einer Tuberkulose entstand. Daneben wird ärztlicherseits über weitere mögliche Todesursachen spekuliert. Am 15. September empfing er die Sterbesakramente.

Zum Zeitpunkt seines Todes gegen zwei Uhr morgens wachten enge Freunde, unter anderem auch George Sands Tochter Solange Clésinger, an seinem Bett. Am darauffolgenden Morgen nahm Auguste Clésinger Chopin die Totenmaske ab und fertigte einen Abguss von dessen linker Hand an. Jane Stirling bezahlte alle Kosten seines Begräbnisses, alle Reisekosten von Chopins Schwester Ludwika und ihrer Tochter Magdalena, und kam für die Kosten auf, um sein Klavier nach Warschau zu bringen. Sie kaufte alle restlichen Möbel und Wertgegenstände Chopins, einschließlich seiner Totenmaske.

Zu Chopins Totenmesse am 30. Oktober um 11 Uhr in der Kirche La Madeleine kamen etwa 3000 Trauergäste. Als der Sarg von der Krypta in die Oberkirche getragen wurde, spielte das Orchester der Société des Concerts du Conservatoire (französisch Konzertgesellschaft des Konservatoriums) unter der Leitung von Narcisse Girard (1798–1860) eine von Napoléon-Henri Reber (1807–1880) hergestellte Orchesterfassung des Trauermarsches aus Chopins Klaviersonate in b-Moll Opus 35. Weiterhin erklangen auf der Orgel, gespielt von Louis James Alfred Lefébure-Wély (1817–1869) die Préludes Nr. 4 in e-Moll und Nr. 6 in h-Moll aus Opus 28. Den Abschluss bildete Mozarts Requiem, ein Wunsch Chopins. Die Bestattung erfolgte auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Liszt schreibt in seinem Chopinbuch, Chopin habe ihm gegenüber geäußert, er wollte wie zu einem Konzertauftritt bekleidet neben dem Grab seines engen Freundes Vincenzo Bellini bestattet werden, dessen Musik er sehr geschätzt hat. Chopins Schwester Ludwika übergab Jane Stirling den Silberpokal mit der polnischen Erde, den er bei seiner Ausreise aus Polen zum Abschied geschenkt bekommen hatte, worauf Jane die Erde auf dem Grab verstreute. Diese Sitte wird oft bei Polen begangen, die im Ausland begraben werden. Chopin hatte Jane Stirling erzählt, dass sie der einzige Mensch sei, der seinen richtigen Geburtstag kenne. Sie schrieb ihn auf und platzierte ihn in einer Schachtel, die mit ihm begraben wurde. Auf Chopins ausdrücklichen Wunsch wurde sein Herz von seiner Schwester Ludwika heimlich in die polnische Heimat gebracht, wo sie es in Warschau in ihrer Wohnung aufbewahrte.

Am Jahrestag seines Todes, dem 17. Oktober 1850, enthüllte Auguste Clésinger das von ihm gestaltete Grabmal mit dem Medaillon von Fryderyk Chopin.

 

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Quelle und viele weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Frédéric_Chopinédéric_Chopin